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Und dann
geschah das Unglück
Wie ausgestorben wirkte
das verwahrloste Haus zwischen all den adretten, geklinkerten oder bunt
gestrichenen Nachbarhäusern. Festungsähnlich der mannshohe Zaun
aus fingerdicken verrosteten Eisenstäben, rund um das Grundstück.
Das schmiedeeiserne Tor war nur angelehnt, und sie betrat den verwilderten
Vorgarten. Ihre schwarze Aktenmappe hatte sie unter den linken Arm geklemmt,
die rechte Hand tief in der Tasche ihres Mantels vergraben. Ein frischer
Wind wehte. Sie fror. Mit hochgezogenen Schultern, das Kinn fest auf die
Brust gedrückt, schritt sie über die bemoosten Gehwegplatten.
Ihr Blick fiel auf eine abgewetzte Fußmatte, welche, ein paar Meter
vom Haus entfernt, mitten auf den Steinen lag. Die Ecke eines weißen
Zettels lugte darunter hervor und sie bückte sich danach.
Bitte ans Fenster klopfen, las sie, nicht schellen. Die zittrig gemalte
Buchstaben, in alter deutscher Schrift, waren kaum zu erkennen. Vorsichtig
schob sie den Zettel zurück an seinen Platz. Als sie sich aufrichtete,
fiel ihr Blick auf eines der oberen Fenster. Für den Bruchteil einer
Sekunde glaubte sie, hinter der schmutzigen Scheibe eine Gestalt zu erkennen.
“Ich werde beobachtet“, dachte sie und presste die Aktenmappe
etwas fester an ihren Körper. Mit entschlossenen Schritten näherte
sie sich dem Haus. Dort kam sie gehorsam der eben gelesenen Aufforderung
nach.
Eine kleine Ewigkeit verging, bevor sich schlurfende Schritte näherten.
Ein Schlüsselbund klapperte metallisch. Dann öffnete sich die
Tür einen spaltbreit. Undeutlich erkannte sie die Gestalt einer alten
Frau, die sich offenbar schutzsuchend, hinter der halb geöffneten
Tür verbarg.
“Hallo!“, sagte die Besucherin.
Als sie keine Antwort erhielt, noch einmal fragend: „Hallo?“
Ein vogelartiger Kopf, umrahmt von wirren, grauen Haaren, schoss ruckartig
und unerwartet vor. Ohne ein Wort zu sagen hob die Alte die Hand, grad
so, als wolle sie die Besucherin schlagen. Diese beeilte sich, ihr mit
ein paar Worten ihr Anliegen vorzutragen.
„Ich bin Frau Dr. Schild. Ich komme vom Amtsgericht“, stellte
sie sich vor, „Frau Hartmann? Sind sie Frau Hartmann? Ich wollte
mal nach Ihnen schauen. Ihre Nachbarn machen sich Sorgen um sie!“
„Kommen Sie herein“ , antwortete die Alte überraschend
bereitwillig, „es braucht nicht jeder hören was wir reden."
Dann gab sie die Tür frei.
Als die Frau vor ihr stand, wunderte sie sich, wie groß sie war.
Ungewöhnlich groß für eine Frau ihres Alters. Hinkend,
die knochige Hand auf einen Gehstock gestützt, verschwand sie in
Innern des Hauses. Ungeschickt das rechte Bein mit dem Klumpfuß
nach sich ziehend. Die Ärztin folgte ihr wortlos. Durch einen dunklen
Flur, vorbei an geschlossenen Zimmertüren, geleitete die Alte den
Besuch ins Wohnzimmer. Der Raum war dunkel, die Gardinen halb zugezogen,
die Luft muffig und feucht. Es roch nach Urin. Sie ließ sich leise
ächzend in einen riesigen, rostroten Sessel fallen. Er umfing ihren
ausgemergelten Körper so, als wolle er ihn in seinen Armen wiegen.
Der Ärztin wies sie einen vergilbten, weißen Küchenstuhl
zu. Ein Esstisch zwischen beiden bildete die nötige Distanz die Menschen
brauchen, wenn sie einander fremd sind. Die Wachstuchdecke darauf war
rissig, die Farben des Blumenmusters verblasst. Als die Ärztin die
Arme darauf stützte merkte sie, dass sie an ihr klebten. Rasch zog
sie die Arme zurück.
Frau Hartmann beobachtete die Ärztin aufmerksam. Ihre wässrig
blauen Augen nahmen jede ihrer Bewegungen wahr. Aufrecht sitzend mit gefalteten
Händen wartete sie darauf was weiter geschah.
Freundlich schaute Frau Dr. Schild die Alte an.
„Sie leben allein?", begann sie das Gespräch und fragte
damit nur, was sie längst schon wusste.
Die Augen der alten Frau flackerten. Ihre blassen Lippen pressten sich
aufeinander und ließen das Gesicht merkwürdig klein erscheinen.
Dann hob sie die Hand an ihr Ohr, zeigte auf ein Hörgerät, und
bat die Ärztin lauter zu reden.
„Sie leben allein?“, wiederholte diese ihre Frage. Lauter
und deutlicher als beim ersten Mal. Da begann die Alte zu weinen. Und
wie ein Fluss der lange gestaut war sprudelten die Worte aus ihrem Mund.
„Allein? Sein ganzes Leben lang ist man allein. Als meine Mutter
starb war ich gerade sieben Jahre alt. Ich kann mich nicht mehr daran
erinnern, wie weh mir das tat. Die Leute erzählten später sie
hätte es selbst getan. In die Grube bin ich gesprungen, bei ihrer
Beerdigung. Das Bett meiner Mutter war noch nicht ganz kalt da hatte mein
Vater schon eine andere darin liegen. Sie war die Tochter des Bürgermeisters.
Jung, hübsch, und eiskalt. Zwei Stunden nach der Hochzeit begann
sie mich zu schlagen. Das sollte in Zukunft so weitergehen. Die hat mich
geschlagen bis ich grün und blau war, mit allem was ihr zwischen
die Finger kam. Meine bloße Anwesenheit machte sie schon wütend.
Ich war ihr wirklich ein Dorn im Auge.
Mein Vater hat von all dem nichts bemerkt. Sein Schwiegervater hatte ihm
eine einflussreiche Stellung besorgt. Er kam immer erst sehr spät
nach Hause. Dann wollte er nur noch seine Ruhe haben.
Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin zu meiner Großmutter
geflüchtet. Ich habe ihr alles erzählt und wollte bei ihr bleiben.
Was soll ich sagen? Sie hat mir nichts geglaubt, und mich wieder nach
Hause geschickt. Dort bekam ich erst einmal Schläge mit dem Besenstiel.
Meine Stiefmutter konnte sich gar nicht beruhigen über meinen Verrat.
Ich dachte die schlägt mich tot. Als mein Vater kam, lag ich immer
noch weinend auf dem Küchenfußboden. Er hat meinen zerschundenen
Rücken gesehen und geahnt was los war.
´Wenn du das noch einmal tust, schmeiß ich dich raus`, sagte
er zu seiner Frau. Dann ist er in die Kneipe gegangen. Sie aber stand
vor mir mit erhobener Faust.
´Ich krieg dich schon klein`, hat sie gezischt, ´ich krieg
dich.`
Sie schlug mich weiter, und mein Vater hat nie wieder danach gefragt.
Ich bin früh aus dem Haus und habe bald darauf geheiratet. Ich kam
mit meinem Mann hierher. Zuerst war er auf der Zeche. Später konnten
wir die Gastwirtschaft hier im Schrebergarten pachten. Von da an ging
es uns richtig gut. Alle Bergleute kamen nach der Schicht zu uns. Alle
Familienfeiern fanden bei uns im großen Saal statt. Wir waren sehr
beliebt. Natürlich mussten wir hart ran. Wir arbeiteten von früh
bis spät. Aber es hat Spaß gemacht. Nur die Kinder, um die
konnte ich mich nicht richtig kümmern. Das hätte ich nicht auch
noch geschafft. Die liefen einfach so mit. Bei der Kleinen war das nicht
so schlimm. Die sah aus wie der reinste Engel. Lange blonde Locken hatte
die, und große blaue Augen. Die wusste schon früh wie sie auf
Leute wirkte. Ständig saß sie bei irgend jemandem auf dem Schoß,
bettelte nach Bonbons oder sonst was. Sie bekam jeden Willen ohne sich
anzustrengen. Erziehen konnte man die nicht. Oh, das war ein Luder. Was
die mir alles angetan hat. Bis heute hat die keinen Finger krumm gemacht.
Hatte immer ihre Männer, die ihr jede Arbeit abnahmen. Die scheißt
auf die Moral. Hauptsache, sie hat ihren Vorteil. Verkauft sich an jeden
der zahlt. So ein Flittchen. Die kommt mir nicht mehr ins Haus.“
Bei ihren letzten Worten hatte sich der Körper der alten Frau gestrafft.
Sie beugte sich ein wenig vor und schüttelte mit erhobenem Arm die
Faust. Ihre Augen blitzten. Dann plötzlich ließ sie den Arm
sinken. Ihr Körper fiel wieder in sich zusammen und sie schloss die
Augen. Unter tiefen erregten Atemzügen hob und senkte sich rasselnd
ihre eingefallene Brust.
Bis jetzt hatte Dr. Schild still und aufmerksam zugehört. Ab und
zu hatte sie genickt, oder einen Laut des Erstaunens von sich gegeben.
Nun war sie neugierig geworden wie die Geschichte weiter ging.
„Und das andere Kind?“, fragte sie, „was war mit dem
anderen Kind?“
Frau Hartmann hob den Kopf und starrte sie an. Sie wirkte erschöpft.
Ihre knochigen Hände beschäftigten sich mit einem Taschentuch.
Sie stöhnte und zeigte auf das Bein mit dem Klumpfuß.
„Tut alles weh“, sagte sie, „tut mir alles weh.“
Dann fuhr sie mit ihrer Geschichte fort.
„Der Junge der kam krank zur Welt. Die ersten Jahre habe ich geglaubt
der wird nicht alt. Der hat mir viele Sorgen gemacht und ist dann doch
ein so guter Junge geworden.
Als mein Mann starb wollte er nicht, dass ich noch mal heirate. Du brauchst
keinen Mann, hat er immer gesagt, du hast doch mich. Und ich verspreche
dir solange du lebst, werde ich keine Frau anschauen. So viele Jahre haben
wir friedlich hier zusammen gelebt. Er hat alles für mich getan.
War immer in meiner Nähe, wie ein Hund. Und dann geschah das Unglück!“
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