Levy
von den Outsiders
Ich halte es in Händen. Dieses schöne blaue
Buch mit dem prallen Leben darauf. Das Leben wird symbolisiert durch
diese prächtige Nana. Vielleicht stand die Inspiration einer Nana,
das sind diese farbenprächtigen Skulpturen von Vollblut-Weibern,
wie sie die französische Künstlerin Niki de Saint Phalle schuf,
Pate. Möglich, ich bin sogar relativ sicher. Denn Vollblutweiber
sind Weibs Bilder, genau so wie die, die hier in diesem gleichnamigen
Buch zu Wort kommen. Ein solches Vollblutweib muss schon die Autorin
selber sein, denn wenn man etwas ihren Spuren folgt, dann lässt
sich mehr noch, als auf dem Buch selber preisgegeben, herausfinden.
Vorlage für dieses Buch war ganz sicher ihre Arbeit als Leiterin
für eine Gruppe Demenzkranker. Sie ist dran am Leben, die Elfie
Böttger-Bohlen, hat Kontakt mit den verschiedensten Frauen und
damit auch deren Schicksalen, Lebensgeschichten. Kurzgeschichten hatte
sie schon veröffentlicht, einen Ratgeber Pflegegeld ins Netz gestellt,
wo sie Betroffenen und Angehörigen tatkräftig zur Seite steht.
Jetzt also ihr erstes Buch.
Viele
Frauen kommen darin zu Wort, haben der Autorin ihre Lebensgeschichte
oder auch nur Splitter aus dem Leben erzählt. Gemeinsam haben all
diese Eindrücke eines: sie gehen tief unter die Haut. Dieses Buch
bewegt. Ich habe es nicht in einem Zuge durchgelesen wie einen Roman,
wo man unbedingt den Ausgang der Geschichte erfahren will und dafür
auch die Nacht zum Tag macht. Bei diesen Lebensgeschichten habe ich
mir Zeit genommen. Die Bilder, die dort mit Sprache Eindrücke zeichnen
vor dem Auge des Lesers, bewußt auf mich wirken lassen. Mehr als
einmal hab ich mich dabei ertappt, wie meine Gedanken abschweiften.
Mir viele dieser Geschichten, die dort vor mir ausgebreitet wurden,
bekannt vorkamen. Nicht immer stimmt das freudig, weil man etwas Bekanntes
erkennt/wiederfindet, nein, es stimmt nachdenklich und ließ mich
zurückschweifen in Zeiten, als ich ein kleines Mädchen war
und selber Eindrücke wie die hier im Buch aufschnappte oder auch
ähnlich erlebte.
Mädchen,
7 Jahre
Die Großmutter war so gemein. Einmal sollte ich Nylonstrümpfe
von ihr auftragen, die ihr zu klein geworden waren. Gestritten hat sie
mit meiner Mama. Gezetert, diese Strümpfe würden sich nicht
dehnen, die wären eindeutig zu kurz. Als sie mir auch noch den Strumpfhalter
dazu schenkte, hab ich furchtbar geweint. Später, ich weiß
nicht mehr wann, sollte ich ihre zu klein gewordenen warmen Schlüpfer
auftragen. Das waren diese gruseligen, wie alte Leute sie haben. Mit langen
Beinen dran. Ich hab furchtbar geheult. Diese Großmutter war nur
böse. Ich war mir sicher, sie wollte mich lächerlich machen
vor meinen Freundinnen. Meine Mama hat mir ständig erklärt,
die Großmutter würde es nicht so meinen. Geglaubt hab ich ihr
damals nicht. Verstanden habe ich diese Dinge später, viel später.
Ähnlich
wie meine Erinnerung voran, so kommen die Frauen oft zu Wort. Erzählen
von ihrem Leben mit 6 Kindern oder auch davon, wo einer Steißgeburt
weniger Aufmerksamkeit gewidmet wird als der Kuh, die im Stall gerade
ihr Kalb bekommt. Oder die Sache mit dem alten Mann, der die Schwestern
in der Scheune trennt, indem er die eine zum Bonbon holen schickt. Bilder
über Bilder - in all ihnen Lebenslinien der Frauen, die da zu Wort
kommen. Direkt erzählt. Unbeschönigt, oft kurz nur und in wenigen
Zeilen, wie oben in meinem 'Muster'. Aber gerade dadurch so voll und reich
an Inhalt - ich hab eine Wanderung an mir beobachtet. Zurück in eine
Zeit, zu Menschen, die ich halb vergessen glaubte, auch hin zu Menschen,
die mir heute anders erscheinen, als ich sie wirklich damals erlebte.
Es gibt wenige Bücher, die so sehr an uns selbst rühren. Dieses
ist so eines.
Dann
sind neben den Erinnerungen all der Frauen, die da in Kurzform gehalten
sind im Buch, noch die Geschichten. Kurzgeschichten allesamt. Manchmal
traurig, manchmal zum Schmunzeln - so wie eben die Sache mit dem VW-Bus
und den Kopfstützen - aber eben auch wieder Geschichten, die irgendwo
wohl auch in jedem von uns einen Anknüpfpunkt haben. Ähnliches
haben wir erlebt, nicht immer selbst, aber gehört, jedoch vergessen
gehabt. Nein, ich bin mir sicher: wir haben nicht immer wirklich hingehört.
Uns hat offenbar das gefehlt, was Elfie Böttger-Bohlen hier aufzeigt
in ihrem Buch: das Zuhören und manchmal auch das Verstehen wenn Weibs
Bilder sprechen.
Wer das Buch
noch nicht hat, obwohl wir ja gerade hier schon sehr früh daraus
erfahren durften, dem mag ich es ans Herz legen. Für sich selbst
oder als Geschenk. Es ist ein Schatz geworden. Ein Schatz reich an Lebensgeschichten.
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Bei
der Autroin dieser Rezension handelt es sich um Verena Lang, Seelesorgerin
in der Altenbetreuung.
Rezension
Weibs Bilder, unter diesem Titel ist eine Sammlung von Zitaten und
Geschichten entstanden, die aus dem Leben von Frauen erzählen. Die
Autorin Elfie Böttger- Bohlen, die eine Wohngemeinschaft für von
Demenz betroffene Menschen in Dortmund leitet, hat eindrücklich Szenen
aus dem Leben von Frauen aufgezeichnet und damit natürlich auch männliches
Verhalten aus Frauenperspektive skizziert.
Wie farbige Mosaiksteine fügen sich Geschichten und Erinnerungsstücke
aneinander. Beim Lesen finden sich helle, leuchtende Elemente und
erschreckend dunkle. Die Geschichten erzählen in einer direkten
authentischen Sprache von Angstmomenten, von erlittenen Verletzungen,
gebrochenen Tabus, erkämpfter Emanzipation, von mutig gestaltetem Schicksal,
von Pflicht und Liebe. Passende Zitate und Erinnerungen von Frauen sind
zwischen die Geschichten gestreut.
Frauen der älteren Generation werden darin viel von sich selber wieder
finden, jüngeren wird bewusst gemacht, was ihre Mütter und Großmütter
erlebt und oft auch erlitten haben.
Ein garantiertes Lesevergnügen, und auch eine Fundgrube für alle,
welche
Biografiearbeit machen oder geeignete Texte zum Vorlesen suchen. |